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Agiler Unterricht

In Artikeln zur beruflichen Bildung wird seit einiger Zeit die sogenannte „Agile Schule“ im Sinne von agilem Projektmanagement oder der agilen Anwendungsentwicklung gefordert. Doch was genau heißt agiles Vorgehen im schulischen Kontext?

Schauen wir zuerst in das Jahr 2007 zurück: Ken Robinson fordert auf einem TED-Talk mehr Kreativität in der Schule. Dieser – wohl meistgesehene TED-Talk jemals – fasst das Problem des starren auf bestimmte Fächer fokussierte Schulsystem zusammen. Dabei wird nicht auf ein spezifisches Land Bezug genommen, Robinson war in England Professor und ist in die USA gezogen, vielmehr lassen sich in vielen Ländern Parallelen hierzu finden. Mein Tipp für alle, die den Talk noch nicht kennen: sucht euch einen ruhigen Zeitpunkt (für 20 Min.) und schaut ihn euch an:

Warum schreibe ich nun im Jahr 2020 über diesen Beitrag? Die berufsübergreifenden Kompetenzen rücken gerade zunehmend in den Fokus! So stellte Prof. Dr. Wilbers in seiner Keynote zur Fachtagung BBS fit für 4.0 (Artikel vom 11.03.2020) folgende drei Punkte hervor:

  • Die Digitalisierung wird im Zusammenhang von Industrie 4.0 umfassende Veränderungen der Kompetenzanforderungen mit sich bringen.
  • Lernfabriken stellen einen vielfältigen und anspruchsvollen Ansatz dar, um berufsspezifische Digitalkompetenzen zu fördern.
  • Zukünftig werden uns die Verbindungen von Aus- und Weiterbildung, die weitere Zusammenführung von gewerblich-technischer und kaufmännischer Perspektive (Hybridisierung) sowie die Agilität von Schule und Regionalentwicklung herausfordern.

Dabei ging Wilbers darauf ein, dass der Wandel der Geschäfsprozesse, Strukturen und Arbeitsmethoden in den Betrieben zu Veränderungen der Ausbildung führen müssen.

Ein Beitrag des Ausbildungsleiters von Siemens Energy lautete hierzu sinngemäß: Es sind bei der Digitalisierung nur 20% technisch; aber 80% sind Change. Und damit sind ebenfalls die Veränderungsprozesse und der Wandel in der Art miteinander zu arbeiten adressiert.

Die Herausforderung der Berufsschulen wurde zusammengefasst, indem die Forderungen und Vorhaben zu agilem Unterricht und den passenden Methoden für wünschenswert erachtet, jedoch die Art der IHK-Abschlussprüfung im starken Kontrast hierzu gestellt werden.

In diesem Spannungsfeld werden aber nun Methoden gefordert, welche Agilität auf der einen Seite und eine umfassende (für alle Lernenden gleiche) Prüfungsvorbereitung beinhalten. Mein Ansatz für diesen Spagat war die Anpassung des Frameworks EduScrum auf meinen Unterricht. Streng genommen passt die Bezeichnung EduScrum gemäß des Leitfadens nicht mehr, aber ich möchte es hier in meiner Anpassung einmal aufgreifen.

EduScrum benutzt die Phasen der agilen Projektmethode bzw. der agilen Anwendungsentwicklung. Hierzu werden Sprints durchgeführt, welche durch ein Daily Scrum geplant werden. Ein Sprint wird durch eine inhaltliche (Retro) und eine meta (Reflexion) Rückbetrachtung abgeschlossen.

Eine ausführliche Erläuterung zum Konzept, meinen Anpassungen und der Realisierung mit Moodle und einer MP3-Variante für die Review-Phase findet ihr auf meinem YouTube-Kanal:

Kommen wir am Ende noch einmal auf Ken Robinson und seinen Forderungen für den Unterricht zurück. Mehr Kreativität, größere Freiräume und variable Zielsetzungen können die Motivation der Lernenden fördern. Es wird Zeit, dass die Forderungen über Methoden ihren Weg in die Ausbildung der Lehrenden finden, egal ob sie Kanban, Scrum oder ScrumBan heißen. Die notwendigen Lehr-Lern-Arrangements dafür gibt es schon eine kleine Weile; das Video vom Talk seit nunmehr 13 Jahren.