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Digitales Lernen von zu Hause?

Die Corona-Krise trägt disruptive Veränderungen in die Gesellschaft. Dies liegt einerseits an den Auswirkungen auf den Gesundheitssektor, aber andererseits auch an Auswirkungen auf die Ökonomie an sich. Während in der Finanzkrise 2008 nicht alle Unternehmen gleichermaßen betroffen und in bestimmten Branchen keinerlei Einbrüche zu erwarten waren, stellt die Corona-Krise die Betriebe heute im Jahr 2020 vor schier unlösbare Probleme. Alle können nun betroffen sein, vom Automobilhersteller – bei dem die Produktion zu Großteilen steht – über die Gastronomie – die sich stellenweise kaum über Wasser halten kann – bishin zum Handwerkerbetrieb. Wenn in einem Team ein Corona-Fall vorliegt, steht auch der Kleinbetrieb still. Hiermit gehen große Sorgen und Nöte bei Angestellten und Selbstständigen einher, die jeder nachvollziehen können sollte.

Warum diese Einleitung zum Thema „Digitales Lernen“? Weil die gesamtgesellschaftlichen Effekte auch große Auswirkungen auf das Lernen der Schülerinnen und Schüler daheim hat. In den Medien werden häufig die priviligierten Familien interviewt, bei denen Mutter oder Vater im separaten Raum Home-Office betreiben kann, während der Partner sich um die Kinder kümmert und via iPad die Aufgaben der 3. Klasse Deutsch begleitet. Anschließend treffen sich alle „nach Feierabend“ draußen im Garten und genießen das Wetter.

Dies ist aber nicht die Realität, in der viele Familien leben! Da brechen Jobs weg, die die Familie ernähren sollen – Mutter und/oder Vater stehen vor großen finanziellen Sorgen, die sich um die Arbeitsstelle drehen und haben damit den Kopf ganz wo anders, während sich Kinder ein gemeinsames Zimmer in der Mietswohnung teilen und bestenfalls ein Smartphone zur Verfügung haben, um Aufgaben abzurufen und die sozialen Kontakte aufrecht zu erhalten.

Die „soziale Distanzierung“, wie sie in den Medien genannt wird, wird leider zur Wirklichkeit, wenn sich die Schülerinnen und Schüler, die vielleicht im Schulalltag sowieso eher ruhiger und passiver im Klassenverbund sind, nun komplett zurückziehen. Dabei muss eine „physische Distanzierung“ mit gleichzeitiger „sozialer Intensivierung“ einhergehen. Das bedeutet für Lehrerinnen und Lehrer, die Eltern und die Schülerinnen und Schüler einen großen Aufwand, der erschöpfend viel Arbeit mit sich bringt – für alle Beteiligten.

Ich arbeite in einem priviligiertem Umfeld: die Auszubildenden im IT-Bereich haben durch das Bring-your-own-Device (BYOD)-Konzept alle ein IT-System zum Lernen zur Verfügung. Die Schülerinnen und Schüler sind in einem Alter, in dem auch das Eigeninteresse an der Absolvierung der Ausbildung verhältnismäßig hoch ist (!= intrinsische Motivation – nur zum Verständnis). Auch die Ausstattung der Schule hinsichtlich der IT-Dienste ist gut (gleichwohl blockiert die Datenschutzdebatte theoretisch vorhandene IT-Dienste, die aktuell wichtiger denn je wären – hierzu wird in den vergangenen Wochen im #twitterlehrerzimmer ausgiebigst diskutiert).

Und trotz dieser unterstützenden Faktoren kann ich nicht davon ausgehen, dass mein Unterricht „digital“ nun genau so weiter läuft, wie vor den Schulschließungen. Von Leistungsbewertung spreche ich hier noch nicht einmal, soetwas ist meines Erachtens gerade hinten an zu stellen. Vielmehr geht es mir um den Umfang der Lehr-Lern-Arrangements sowie deren Synchronität: wie viele meiner Schülerinnen und Schüler gerade in der Unterstützung der Familien eingebunden sind oder ganz andere Sorgen haben, kann ich nicht sagen. Seit der Schulschließung ist es aber erschreckend ruhig geworden. Durch das Blocksystem an meiner Schule ist bisher nur ein Drittel der Lernenden betroffen, die schulische Realität wird sich sicherlich nach Ostern dann auch auf die verbleibenden zwei Drittel auswirken. Spätestens im Mai sollten damit Ideen und Konzepte bestehen und erprobt werden, wie ein „Digitales Lernen“ stattfinden kann.

Ein paar Gedanken habe ich mir hierfür schon einmal festgehalten:

  • Synchrone Phasen gering halten, asynchrone Phasen fördern
  • Kleingruppen lassen sich besser organisieren als ein Klassenverband
  • ein blockübergreifendes Angebot bringt ggf. weitere Flexibilität
  • bidirektionale Kommunikation muss vereinbart und eingefordert werden
  • das Nennen von Lerninhalten auf Plattformen und Büchern zur Bearbeitung durch die Lernenden kann langfristig keine Option sein, Schritt für Schritt müssen sich auch die Lehrerinnen und Lehrer mit neuen Darreichungsformen und der Orchestrierung dieser auseinandersetzen

In den kommenden Wochen können viele Erfahrungen gesammelt werden, die zu Innovationen in der Schule führen. Diese waren allerdings auch vor Corona schon dringend notwendig. In Niedersachsen soll die niedersächsische Bildungscloud (https://niedersachsen.cloud) im Mai flächendeckend an den Start gehen. Man kann nur hoffen, dass die Ressourcen personell, technisch und in der Entwicklung entsprechend hochgefahren wurden und schon zur Verfügung stehen.

Podcastempfehlung:

https://ukw.fm/ukw017-corona-situation-in-den-schulen/